Freitag, 3. Juni 2022

18 Jahre BAVARIA Industries, eine halbe Milliarde mehr und was gelernt?

Fehlstart

Bevor ich BAVARIA gründete, versuchte ich lange erfolglos von zu Hause eine eigene Firma zu kaufen. Was war schiefgelaufen und hat später funktioniert? Ich wollte mit dem Geld anderer eine profitable Firma kaufen. Jedes Mal sah ich nur Risiken. Gespräche führte ich viele. Wenn man sich als Investor und nicht als Berater vorstellt, war die Kontaktanbahnung nicht schwierig. Unternehmer müssen jeden Tag das gleiche Produkt verkaufen und sehnen sich nach Abwechselung. Sich wirklich zum Verkauf durchzuringen, kann Jahre dauern... Die Zeit verstrich, während ich eine Firma nach der anderen besuchte. Und schließlich zwei Jahre damit zubrachte, keine Firma zu kaufen. 


Anfangen

Ob Zentralbankchefin oder Kanzler, niemand weiß, wie es wirklich geht. Wir alle sind nur Anfänger. Also einfach probieren... Zum Beispiel der Kauf von Firmen, am besten für einen Euro. Es hilft, wenn man keine Alternative hat. Wie in meinem Fall: nach acht Jobwechseln, meistens nicht ganz freiwillig, gab es zum Schluss nur noch das Angebot als Head Hunter zu arbeiten. Wenn Du nicht weißt, wie es geht, dann tue so, als ob Du es wüsstest... Regelmäßig über Fehler nachzudenken, hilft besser zu werden. Wissenslücken kann man durch Lesen, YouTube oder Nachfragen schließen.


Abkupfern

Nachdem ich vier Monate bei einem Serieneinkäufer in die Lehre gegangen war (Bewerbungen bei uns willkommen!), formulierte ich ein neues Ziel. Statt eine Firma zu kaufen, möglichst viele im Jahr! Es wurden 10 in den ersten drei Jahren. Statt Geld zu zahlen, versuchen eine Mitgift zu verhandeln!  Kaufverträge und Due Diligence ("DD") selber machten, um Fixkosten gering zu halten. Diese diente dazu, die Glaubwürdigkeit zu unterstreichen, statt wirkliche Mängel aufzudecken. Was keine Rolle spielte, da die Unternehmen meistens im freien Fall waren. Ohne eigene Mittel nahmen wir einfach das Wort Industriekapital in den Namen auf. 


Warum Konzernabspaltungen?

Konzernabspaltungen lassen sich über eine Googlesuche einfach finden und der Verkaufsdruck ist nach der Pressemitteilung besonders hoch. Die Schließung des Werkes ist teuer und sorgt für schlechte Presse.  Aus der Verlustfinanzierung kommen die Konzerne nur durch einen Verkauf heraus. Die Holding schließt zur Optimierung der Steuer und Finanzierung mit den Töchtern Gewinnabführungsverträge ab, die nach einer Kündigung lange Nachwirkungsfristen haben. Eigentümer von Firmen neigen dagegen eher zu Mauscheleien und Betrug, um die drohende Insolvenz abzuwehren. Und Insolvenzverwalter behalten im Rahmen des Assetverkaufes die Kasse und alle Forderungen und Verbindlichkeiten. Nach der Übernahme müssen der Aufbau und unterjährige Schwankungen durch Eigenkapital finanziert werden (also kein 1 Eurodeal). 


Was lief schief beim ersten Unternehmenskauf?

Wir hatten einen Zuschuss von EUR 1,6 Mio. verhandelt. Erst nach dem Kauf realisierten wir, dass Eigenkapital zum Ausgleich monatlicher Verluste nötig war. Um der Anmeldepflicht zu entgehen, blieb nur das Nachverhandeln mit der Verkäuferin. Es gibt Käufer, die das nach jedem Deal machen... Der erforderliche Belegschaftsabbau um 2/3 wurden dann von der Verkäuferin bezahlt. Leider führte das Abfindungsangebot an die Belegschaft dazu, dass das ganze Vertriebsteam und der technische Leiter kündigten. Die Firma überlebte trotzdem noch fünf Jahre, allerdings nicht mit mir als Geschäftsführer...


Management ist nicht meine Stärke

Eine gute Geschäftsführerin erwartet nicht, dass das Beschlossene sofort umgesetzt wird. Sie wiederholt immer wieder das Gesagte. Lässt jeden Mitarbeiter eigene Ziele formulieren. Und fragt geduldig wieder und wieder nach, welche Hindernisse es noch bei der Umsetzung gibt. Mein Motto: "Hinschieten und weglopen" funktionierten hier nicht. 


Die ersten Einstellungen waren ein Desaster

Ein Unternehmensberater kann gut präsentieren und auf den Interviewer eingehen, ist aber meistens kein guter Manager. Ihm fehlt die Geduld und das Verständnis für Mitarbeiter. Mein Prozess war falsch: statt die Stationen des Lebenslaufes abzufragen, lernte ich die gleichen fünf Fragen zu stellen (um einen Benchmark zu haben): Wie haben sich die Ergebnisse entwickelt und warum? Was sagen mir die ehemaligen Kollegen und Chefs, wenn ich sie anrufe? Welche Fehler haben Sie gemacht? Ziel ist es, wirkliche Leistungen zu erkennen, wie gut die Kandidatin das eigene Tun reflektiert und dazulernt. Bei Referenzanrufen das Wichtigste zum Schluss: Benotung der Tätigkeit (mit Begründung) und die Frage, ob der Kandidat noch einmal eingestellt würde.


Wie verbessert man die Unternehmen?

Es gibt immer etwas zu verbessern…Nachhaltig in die Gewinnzone kamen wir nur bei einem Drittel der Übernahmen. Mit Branchen wie Dienstleistungen (die besten Mitarbeiter gehen zuerst), Handel (keine Ahnung wie man Skalenvorteile von Ikea, Zalando oder Amazon ausgleicht), Maschinenbau (muss von einem richtigen Unternehmer geführt werden) oder Prozesstechnik (unsere Firmen waren zu klein, unter investiert und deckten nicht die Fixkosten) hatten wir wenig Erfolg. Mit Glück investiert man schließlich in einer Branche, die sich im Aufwind befindet. Der Verkäufer trennt sich dabei ungern für einen Euro von Unternehmen mit gutem Geschäftsausblick. 


Lean Management hilft

Bei Serienfertigern lässt sich Lean Management am besten umsetzen. Der Fokus der Verkäufers auf eine hohe Auslastung der Maschinen führten zu großen Lagerbeständen und entsprechenden Abschreibungen. Die Lösung ist hier, nur zu produzieren, wenn ein Auftrag vorhanden ist. One Piece Flow (und nicht Fertigung in Batches) helfen beim Abbau der Lager und setzen Mittel frei, um Belegschaftsabbau und Investitionen zu finanzieren. Ein Eintreiben überfälliger Forderungen, die spätere Begleichung der Rechnungen (ohne Kreditversicherer zu verärgern) und ein Verkauf der Forderungen finanzierten die anfänglichen Verluste und Restrukturierungsmaßnahmen. Der Besuch von Unternehmen mit vorbildlichen Prozessen (organisiert vom Kaizen-Institut) halfen mir, ein Gefühl zu entwickeln, was geht und von einem guten Geschäftsführer zu erwarten ist.


Keine Garantien geben!

Im ersten Kaufvertragsentwurf des Konzerns haftet die BAVARIA als Konzernholding immer mit bei den Verpflichtungen, die die NewCo als Käuferin eingeht. Zur Beschränkung der Haftung hatten wir das Eigenkapital der  NewCo so niedrig wie möglich gewählt. Die Reaktion der Verkäuferin war also verständlich. Besonders beim Kauf von Anlagenbauern mit Bürgschaften für die Erfüllung der Aufträge war das Wegverhandeln der Garantien nicht einfach. Das Argument war dann immer: Wir verantworten das Neugeschäft, beim Altgeschäft weiß die Verkäuferin am besten, welche Verpflichtungen eingegangen wurden. Zweimal akzeptierten wir in unserem Drang noch schneller zu wachsen, Garantien der BAVARIA und beide Male ging es schief. Im Saldo kosteten uns die Insolvenzen eines Anlagenbauers und eines Automobilzulieferers rund EUR 14 Mio. Das Wissen um eine Garantie ändert das Verhalten der Beteiligten.  So kann ein Geschäftsführer bei schlechtem Ausblick trotz voller Kassen Insolvenz anmelden, um beispielsweise Zugeständnisse vom Gesellschafter zu erzwingen.  


Wohin mit dem Geld?

Kauft man genügend Firmen, zieht man irgendwann das große Los. Dann stellt sich die Frage, wohin mit dem Geld. Ein Erwerb in der Krise mit Geld funktioniert in der Regel nicht. Verzichte lassen sich schwer verhandeln und die Neigung wächst, gutes Geld schlechtem hinterherzuwerfen.  Externe Berater, die das Kleingedruckte in den Verträgen prüfen, kosten viel Geld. Uns fehlte das Know-how und der Wille dazu. Mehr Personal in der Holding hätten wir vorfinanziert müssen. Der Druck wäre gestiegen, trotz der Risiken, das Unternehmen doch zu kaufen. Ohne Ahnung zu haben von Immobilien oder Start-ups, blieb uns nur der Kauf von Aktien.


Mit Aktien Geld verdienen

Der Kauf von Aktien ist nichts anderes als der Erwerb eines Unternehmens. Mit dem Unterschied, dass jeder Augenblick einen anderen Wert genannt wird. Das Lesen von Aktionärsbriefen und Bücher von Value Investoren zeigten mir, dass die richtige Unternehmensbewertung eine Fiktion ist. Jeder Aktienkauf bleibt eine Wette. Also ausprobieren! Mit kleineren Wetten auf Makrothemen oder mit dem Shorten von Aktien (Tesla!) verloren wir Geld. Blieben also die "Compounder" - Wachstumswerte mit hoher Kaptalrendite. Microsoft mit einem KGV von 28 ist eine Wette wert. Ohne Wachstum beträgt die Rendite fast vier Prozent (mehr als die meisten Immobilien). Wächst das Unternehmen wie prognostiziert 8 %, verdoppelt sich die Rendite in 9 Jahren (72/8 = 9 gemäß der "Rule of 72"). Solche Unternehmen gibt es nur selten bei privaten Auktionen und wenn, dann sind sie aufgrund des Wettbewerbes in der Regel teurer!


Erfolg macht nicht glücklich

Verdient man mehr Geld als Andere, fühlt man sich überlegen. Das schafft Distanz zu den Mitmenschen. Glücklich ist nur, wer daran denkt, wie er anderen helfen kann. Für mich heißt das, mein Wissen weiterzugeben. Auch haben wir angefangen, das Geld zu spenden. Und unterstützen Stiftungen zur Förderung der Aus- und Weiterbildung in Afrika.


Gerne helfe ich Euch beim Kauf einer Firma oder beantworte Fragen: reimar.scholz@baikap.de.


1 Kommentar:

  1. Vielen Dank für diesen inspirierenden Beitrag. Er könnte das inhaltliche Grundgerüst sein für ein Buch, das ich in jedem Fall kaufen würde.

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